Von mitfühlenden Anwälten und Legal-Tech-Innovationen

Es existieren wenig Berufe, welche mit so vielen Klischees verbunden werden wie der Anwaltsberuf. Oft werden Anwälte als arrogante Besserwisser betrachtet, welche in hochpreisiger Kleidung zu Terminen erscheinen, den Humor vor der Türe zum Sitzungszimmer ablegen und knallhart verhandeln oder die betriebswirtschaftlichen Aspekte einer Transaktion völlig ignorieren. Einfühlungsvermögen und Empathie werden als Schwäche angesehen und könnten von der Gegenseite ausgenutzt werden.


Im Studium der Rechtswissenschaften werden Disziplin, Durchhaltevermögen und Konkurrenzdenken gefördert und gefordert. Der IQ und das Erinnerungsvermögen werden mittels anspruchsvoller Semesterprüfungen auf die Probe gestellt. Emotionale Intelligenz spielt keinerlei Rolle. Könnte dann dieser Beruf nicht auch von Maschinen und Programmen ausgeübt werden, die auf Knopfdruck alle Formulierungen von Verträgen und alle Gerichtsurteile ausspucken?


Legal Tech in der Anwaltswelt: Chance oder Gefahr? Automatisierung schlich sich über die letzten Jahre vermehrt in das Arbeitsfeld der Anwälte ein. Unter dem neudeutschen Begriff „Legal Tech“ versteht man grob gesagt die Digitalisierung der juristischen Tätigkeit. Aus Kosten- und Effizienzgründen sollen Arbeitsprozesse sowie ganze Rechtsdienstleistungen automatisiert werden. Die Rechtsberatung soll für wiederkehrende Problemstellungen eine Digitalisierung erfahren. Der Anwalt ist überspitzt gesagt nur noch für die Vertretung vor Gericht vonnöten, weil dort gesprochen wird. Die klassische Beratungstätigkeit wird ersetzt – „Software vor Anwalt“. Aber ist dem wirklich so? Ist eine nahezu vollständige Automatisierung der Anwaltstätigkeit erstrebenswert? Die Antwort ist eine für Juristen sehr übliche: Es kommt drauf an.


Als Anwalt ist man viel mehr als „nur“ die Person, welche eine Klage bei Gericht einreicht oder mit Behörden telefoniert. Klienten suchen einen Anwalt auf, weil sie sich mit Problemen konfrontiert sehen oder diese gar nicht erst entstehen lassen möchten. Diese haben selbstverständlich rechtliche Komponenten, aber eben nicht nur. Je nach Situation können dies sehr belastende und nervenzehrende Situationen sein, mit welchen die Klienten zu kämpfen haben. Genau dann ist es wichtig, dass der Anwalt seinem Klienten mit viel Empathie, Verständnis und Fingerspitzengefühl gegenübertritt. Nicht umsonst gibt es das Anwaltsgeheimnis, welches das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Klient und Anwalt unterstreicht. Nur ein Klient, welcher seinem Anwalt voll und ganz vertraut, wird ihm alle Sorgen und Bedenken sowie alle relevanten Informationen mitteilen. Ist hingegen das
Vertrauensverhältnis zwischen Klient und Anwalt gestört, weil sich der Klient durch den Anwalt emotional nicht verstanden fühlt, ist eine weitere Zusammenarbeit schwierig.


Zu der Frage des Vertrauens kommt noch die Komponente der Menschlichkeit. Jedes Problem, jede Lösung und die Wege dazwischen lösen Gedanken und Gefühle aus, die in das Kalkül mit einbezogen werden müssen. Dies betrifft nicht nur die Frage von „rechthaben“ und „Recht bekommen“, sondern auch die Frage: Wie viel kostet der Weg dahin an Nerven und Zeit und wird dadurch eine wichtige Verbindung temporär oder dauerhaft geschädigt? Sind diese Schädigung, die Zeit oder die Nerven den potenziellen Erfolg wert?


Legal-Tech-Lösungen können unbestritten eine grosse Hilfe im juristischen Arbeitsalltag sein, aber im Gegensatz zu einem Menschen haben Softwarelösungen kein Bauchgefühl, kein Fingerspitzengefühl und auch keine Empathie. Ein verunsicherter und aufgewühlter Klient wird in erster Linie seinen Anwalt anrufen wollen, welcher ihn beruhigt und mögliche Lösungsschritte aufzeigt.


Ein Anwalt muss im Arbeitsalltag die Balance zwischen Soft Skills und sachlicher Professionalität finden. Jeder Klient ist anders und hat dementsprechend andere Bedürfnisse, wenn es um die emotionale Intelligenz des Anwalts geht. Die einen Klienten erwarten lediglich die harten Fakten, anderen Klienten muss gut zugesprochen werden. Ein nicht einfach zu stemmender Spagat für den Anwalt.


Fazit
In der Ausbildung zum Anwalt scheint die Befassung mit den emotionalen Fähigkeiten eines Anwalts keine beziehungsweise eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die Hochschulen vergessen bei der Vermittlung ihrer Inhalte allzu oft, dass der Anwalt in der Praxis mit Menschen als Klienten und nicht Computern arbeiten wird. Nebst einem fachlichen Rat ist der Anwalt auch gefordert, dem Klienten auf einer emotional angemessenen Ebene gegenüberzutreten. Ansonsten kann es schnell passieren, dass ein potenzieller Klient, welcher sich emotional nicht abgeholt fühlt, einen anderen Anwalt suchen wird oder ein bereits bestehender Klient das Mandat beendet. Emotionale Intelligenz und sachliche Professionalität grenzen sich keineswegs aus, sondern führen in der Kombination im Idealfall zu einem schnelleren Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Klient. Ziel des Anwalts sollte es sein, dem Klienten das Gefühl zu vermitteln, dass er mehr als nur ein Aktenzeichen ist. Dieses Feingefühl und der Einbezug der nicht-technischen Gegebenheiten bei der Mandatsführung bewirken, dass keine Legal Tech dem Anwalt überlegen sein kann. Auch nicht in der Vertragsgestaltung.

Zurück